Bericht des Lehrers Viktor Holtz

Bericht des Lehrers Viktor Holtz, der von 1871 – 1875 in Japan unterrichtete!

Das Original befindet sich im Landeshauptarchiv Koblenz – Bestand 405 Nr. 4363.

Vorwort

Die Stadt Boppard unterhält seit 1965 partnerschaftliche. Beziehungen mit der japanischen Stadt Ome.

Für unsere japanischen Freunde spielte es eine große Rolle, dass der berühmte und bekannte Japanforscher Phillipp Franz von Siebold von 1847 bis 1S52 seinen Wohnsitz in Boppard hatte.

Durch einen Zufall wurde nun entdeckt, dass ein in Boppard tätiger Pädagoge von 187O — 1875 in Japan als Lehrer wirkte. Es ist dem Historiker Bruno Korn zu verdanken, dass er bei seinen Recherchen im Landeshauptarchiv Koblenz die handschriftlichen Berichte von Viktor Holtz fand und den Freundeskreis der Ome – Boppard umgehend informierte.

Da die Handschrift heute nicht mehr für jeden lesbar ist, waren wir lange auf der Suche nach einer geeigneten Person, die den Text auf Band sprechen sollte. Durch die tatkräftige Un­terstützung von Herrn Dr. Günter Jens ist es nun möglich die interessanten Berichte von Viktor Holtz zu veröffentlichen. Ein Dank gilt auch der Stadt Boppard, die uns voll unterstützt hat. Dabei genannt werden soll insbeson­dere die Phonotypistin Frau Sabine Schröder und Frau Sabine Hachmer.

Bei der Abschrift wurde die alte Schreibweise beibehalten.

Heinrich Conrad Bis 2009 Vorsitzender der Freundeskreises der Partnerstädte Ome – Boppard e.V.


 

Zur Person von Viktor Holtz

aus der Festschrift zur Schlussfeier des Lehrerseminars zu Boppard am 6. u. 7. Mai 1926

Viktor Holtz, geboren am 3. Mai 1846, erhielt seine Berufung als Seminarlehrer in Boppard am 1. Nov. 1869 und war zuerst nur kurze Zeit daselbst tätig. Am 20. Dezember 1870 schickte ihn die Preußische Regierung nach Yedo in Japan, um dort eine deutsche Schule zu gründen. Auch sollte er in dem milden Klima dieses Landes Heilung von einem Halsleiden suchen. Am 1.Oktober 1874 kehrte er nach Boppard zurück und übernahm nach der Ernennung J. Hoffmanns zum Kreisschulinspektor den Unterricht in Mathematik, Deutsch und im Klavierspiel. Bei seiner Rückkehr aus Japan zeigte er manche Eigentümlichkeiten, so beim Unterricht dadurch, daß er in der Aufsatzzensur japanische Zeichen anwandte, die er nicht erklärte und wir deshalb nicht verstanden. Im Jahre 1877 wurde er zuerst zum Kreisschulinspektor in Prüm ernannt, von dort nach Schrimm in Posen und dann nach Gelsenkirchen versetzt. (Anm.: Das Datum der genannten Rückkehr stimmt nicht mit den Aufzeichnungen überein. Außerdem ist die genannte Versetzung nach Gelsenkirchen fraglich, da H in Posen verstorben ist).


Die Versetzungsverfügung (im Original)

Berlin, den 2. September 1870 U. 23161

In Folge einer von der Japanesischen Regierung wiederholt ausgesprochenen Bitte um einen Lehrer, welcher zu Jeddo in der deutschen Sprache und elementaren Wissenschaften unterrichten könnte, hat das Auswärtige Amt des Norddeutschen Bundes meine Vermittlung zur Nachweisung eines solchen Lehrers in Anspruch genommen. Nach erfolglosen Verhandlungen mit einigen anderen Lehrern habe ich zuletzt an den Seminarlehrer Viktor Holtz in Boppard, der namentlich auch durch seine vielseitige Sprachkenntniß für die betreffende Aufgabe geeignet schien, die Anfrage gerichtet, ob er in das Engagement auf drei Jahre einzutreten geneigt sei. Nachdem er seine Bereitwilligkeit ausge­sprochen, ist ihm jetzt von Seiten des Auswärtigen Amtes der sub volante beiliegende bestimmte Antrag zugegangen.

Indem ich das Königliche Provinzial-Schul-Collegium Hiemet von der Angelegenheit in Kenntniß setze, veranlaße ich dasselbe, dem p. Holtz den an ihn gerichteten Erlaß Berufs seiner definitiven Erklärung über die Annahme oder Ablehnung des Antrags zuzustellen und ihn, sobald er darauf anträgt, aus seinem gegenwärtigen Amt zu entlassen. Über die Wiederbesetzung der Stelle erwarte ich demnächst eventl. Bericht.

Der Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten

in Vertretung: Lehnert

An das Königliche Provinzial-Schul-Collegium zu Coblenz

 

 

Bericht über die deutsche Schulklasse des Lehrers V. Holtz in Yedo.

Am 20. Februar 1871, nach japanischer Rechnung am Neujahrstage des vierten Jahres Meidji, kam ich in Yokohama an. Bis dahin hatte ich geglaubt, daß noch keine deutsche Schule in Yedo existiere. Es bestanden aber neben mehreren englischen und französischen auch schon zwei deutsche Schulklassen an der hiesigen Dai-gaku-nankö (südlichen Hochschule), welche Anstalt ich zugetheilt wurde; zwei Japaner und ein Nordamerikaner standen derselben als Direktoren vor. Da aber fast alle an der genannten Schule als Lehrer angestellten Personen, wie auch der nordamerikanische Direktor, nie unterrichtet hatten, bevor sie nach Japan kamen; da ferner mit der Führung der Anstalt die schreiendsten Mißbräuche obweiteten, so glaubte ich es meiner Sendung schuldig zu sein, daß ich die Leitung der für mich zu errichtenden Schulklasse für mich allein beanspruchte. Dank der Versendung seiner Exzellenz des Herrn von Brandt wurde mir die verlangte Ausnahmestellung gewährt, welche übrigens schon bei der Abfaßung des Contraktes vorgesehen worden war. Auf Veranlassung Seitens der jap. Behörde entwarf ich sodann die Regeln für meine Schulklasse und richtete dabei mein Augenmerk beinahe einzig darauf, die Schlimmesten der an der Dai-gaku-nanko herrschenden Uebelstände für meine Schule unmöglich zu machen.

Dieser „Entwurf“ „zu den Verordnungen für die deutsche Schule“ „unter Leitung des Lehrers V. Holtz“ war folgender:

  1. Aufgenommen werden in diese Schule nur solche Schüler, welche noch keinen deutschen Unterricht genossen haben. Schüler, die englisch oder fanzösisch gelernt haben, werden nur in dem Falle aufgenommen, daß sie diese Sprachen verhältnismäßig gut verstehen. Auch sollen die Schüller alle von ungefähr demselben Alter (17 bis 20 Jahre) sein.
  2. Die Zahl der Schüler darf für das erste Jahr nicht mehr als 20 betragen. – Sollten nach Ablauf von vier Monaten, vom Tage der Eröffnung an gerechnet, weniger als 20 Schüler in der Klasse sein, so werden so viele neue in dieselbe aufgenommen, daß die Zahl 20 wieder voll ist. – Oefter als alle vier Monate findet keine Aufnahme Statt.
  3. Täglich wird während vier Stunden Unterricht ertheilt, Morgens von 9 bis 11, Nachmittags von 1/2 3 bis 1/2 5 Uhr. – Wie für die anderen Schulen, so fällt auch für diese Klasse an Einem Sonnabend in jedem Monate der Unter­richt aus. – Ueber die Ferien bleiben nähere Bestimmungen vorbehalten. -Der Lehrer ist nicht verpflichtet, an den gebotenen Feiertagen seiner Confeßion Schule zu halten.
  4. Die Schüler müssen sich verpflichten, ein volles Jahr lang den Unterricht regelmäßig zu besuchen. – Wer die Schule unregelmäßig besucht, wird ent­lassen.
  5. Ein Schüler, der Entlassen wird oder aus freiem Willen die Schule verläßt, darf in keine andere Klasse der hohen Schule aufgenommen werden.

Dieser Entwurf wurde, nachdem ich denselben in mehrmaliger Besprechung begründet hatte, schließlich im Ganzen gebilligt. Nur setzte man in No. l anstatt 17 bis 20 die Zahlen 15 bis 18, in No. 2 anstatt 20 die Zahl 25 und ließ den Anfang der täglichen Unterrichtszeit unbestimmt.

 

Am zweiten Tage des dritten jap. Monats – 21. April – konnte ich zu unterrich­ten anfangen. Mit diesem Tage beginnt also

das erste Schuljahr.

Es möge mir gestattet sein, hier zuerst über die ungünstigen Umstände, welche die Resultate wesentlich modificiren mußten sowie über die von mir eingehaltene Lehrweise zu sprechen.

Die Zahl meiner Schüler verminderte sich leider sehr rasch. Schon im ersten Monate blieben vier Schüler, die krank geworden, aus. Auch während des zweiten Monats mußte ich einen Schüler wegen Krankheit entlaßen; dazu sandte die Regierung drei meiner Schüler nach Deutschland. Noch ehe die ersten sechs Monate verflossen waren, war die Zahl der Schüler auf 15 reducirt. So nahm ich im neunten japanischen Monate 10 neue Schüler auf, von denen aber bis zum Schluße des ersten Schuljahres wieder sechs ausschieden. Lieber dies kamen während des ganzen Jahres täglich Schulversäumniße wegen leichteren Unwohlseins vor.

Der ungünstigste Umstand für meine Schule aber war und ist wohl der, daß die Schüler nicht blos von ungemein ungleicher Begabung sind, sondern auch in ihrer heimischen Bildung aus sehr verschiedenen Stufen stehen. Man hat mir dieselben als eine zusammengehörige Klasse übergeben, wie es schein, ohne sie irgendwie im Japanischen zu prüfen. Daher kommt es denn, daß selbst solche Schüler derselben Abtheilung, welche die Schule gleich regelmäßig besuchten und gleich fleißig waren, in ihren Leistungen sich auffallend voneinander unterscheiden. Beispielsweise stehen einige der Schüler, die blos sechs Monate lang in der Schule sind, über mehreren der Schüler, die schon ein ganzes Jahr gelernt haben. Dadurch wird es schwer, den Unterricht so einzurichten, daß er für die Fähigeren und die wenig Begabten zugleich möglichst nutzbringend sei.

Was die Methode betrifft, so blieb mir von vornherein kaum eine Wahl. Es war nämlich kein Buch vorhanden, daß bei dem ersten Unterrichte als Leitfaden hätte dienen können; irgendwie brauchbare deutsche Dolmetscher fanden sich auch nicht vor; endlich verstanden meine Schüler nur das mir natürlich ganz unbekannte Japanische. Damit ich nun im Stande sei, die Schüler auf die Ähnlichkeiten und Unähnlichkeiten zwischen der japanischen und der deutschen Sprache aufmerksam zu machen und ihnen so ein sicheres Lernen zu ermöglichen, eignete ich mir während der ersten sechs Monate alles selbst auf japanisch an, was die Zöglinge auf deutsch lernen sollten. Gleich nachdem die Schüler die deutschen Laute ziemlich richtig aussprachen und die Buchstaben kannten, fing ich damit an, sie solche Sätze zu lehren, in denen Wörter ohne Beugungsendung vorkommen, z. B. die Kugel ist rund; der Aal ist ein Fisch. Dann lernten die Schüler in ähnlichen kleinen Sätzen die Mehrzahlbildung der Hauptwörter, das Präsens der Zeitwörter, Deklination und Conjugation überhaupt, schließlich leichte Satzverbindungen und Satzgefüge. Im zweiten Monat nahm ich Haester’s Lesebuch für Mittelklassen zum Handbuch. Die Schüler wurden auf ein leichtes Lesestück vorbereitet durch Erlernen der darin vorkommenden Wörter (in Sätzen) und Satzformen; daraus wurde das Lesestück lautrichtig gelesen und übersetzt; zuletzt wurde in (deutschen) Sprachübungen das Ganze wiederholt. Auf diese Weise habe ich den Sprachunterricht im engeren Sinne während des ganzen ersten Jahres ertheilt. – Im dritten Monat begann der Rechenunterricht und später auch der Unterricht in der Geographie, wobei aber die deutsche Sprache das alleinige Mittel und ihre vollständige Erlernung der nächste Zweck bleibt.

 

Aus dem Angeführten wird erhellen, daß der im ersten Schuljahre erlangte Erfolg nicht allzu günstig ausfallen konnte und sich zudem nichts mit genauen Grenzen zeichnen läßt. So weit dies indessen möglich ist, habe ich die Resultate, welche ich mit der ersten Abtheilung meiner Klasse erzielte, in einem Schreiben an seine Exzellenz den Unterrichts-Minister, Herrn Ooki, angegeben, wie folgt: „Im ersten Schuljahre wurden die Schüler befähigt, die Lesestücke aus Haester’s Lesebuch für die Mittelklassen der Elementarschulen und die leichteren Stücke aus Bone’s Lesebuch für höhere Schulen (erster Theil) bei geringer Nachhülfe zu verstehen, zu übersetzen, mit richtiger Betonung zu lesen und zu besprechen. – Aus der Grammatik kennen die Schüler die Hauptsache der ganzen Wort- und Satzlehre, sodaß eine genauere Erlernung der einzelnen Kapitel nunmehr nach einem Handbuche vorgenommen werden kann.

Im Rechnen haben die Schüler die Fertigkeit erlangt, die vier Species mit ganzen Zahlen anzuwenden. Als Handbuch für die angewandten Aufgaben wurde Richter und Gröning’s Rechenbuch (zweiter Theil) gebraucht.

Außerdem haben die Schüler die gebräuchlichsten Ausdrücke aus der Geographie in Beispielen kennen gelernt.

Andere Lehrgegenstände konnten während des ersten Jahres nicht in den Unter­richt aufgenommen werden, weil die Schüler die dazu nöthige Fertigkeit im Gebrauch der deutschen Sprache sich erst aneignen mußten.

Die zweite Abtheilung meiner Klasse wird nach sechs Monaten auf derselben Stufe angelangt sein.

Vielleicht ist es zu rechtfertigen, wenn ich in diesem Berichte auch über die Stellung meiner Klasse im Vergleich mit den anderen Schulen einige Worte sage. Seit Januar dieses Js. ist meine Klasse auch äußerlich von der mehrgedachten Dai-gaku-nankö getrennt. Diese ist die Hauptunterrichtsanstalt in Japan; jetzt sind 16 Personen als Lehrer dort angestellt. Aber es gibt noch viele kleinere Schulen in Yedo, unter welchen meine Klasse officiel die erste (erste Fremden­schule) heißt. Alle als Lehrer hier angestellten Leute stehen in ihrem Gehalte wenigsten mir gleich; manche beziehen 50 oder 100 mex. Dollars monatlich mehr als ich, wenn sie auch bis zu ihrer Anstellung durch die japanische Regierung nie Lehrer waren. Dagegen habe ich den großen Vortheil, in meiner Unterrichtsweise und in der Leitung der Schüler meinem eigenen Urtheile und Gewissen folgen zu dürfen, während die anderen Lehrer sich nach den Vorschriften der Japaner oder des oben erwähnten Nordamerikaners richten müssen. Ich kann nicht umhin, einen allgemeinen Eifer und die vollkommenste Lenksamkeit als ehrende charakteristische Merkmale meiner Schüler zu bezeichnen und mit Befriedigung hinzuzufügen, daß diese Eigenschaften der Zöglinge mir meine Pflicht sehr angenehm machen.

Ob die japanische Regierung späterhin noch andere Lehrer an meiner Schule anstellen und dadurch eine ersprießlichere Thätigkeit für mich möglichen machen wird, ist noch nicht mit Bestimmtheit vorauszusehen, obwohl dieselbe sich seit einigen Wochen mit dieser Eventualität beschäftigt.

Yedo, im April 1872

  1. Holtz

Ordentl. Seminarlehrer.

 

 

Bericht Ober das zweite Schuljahr

der deutschen Klasse unter Leitung des Lehrers V. Holtz in Yedo.

  1. Chronik

Beim Beginn des zweiten Schuljahres, am 10. April 1872, zählte meine Schule neunzehn Schüler in zwei Abtheilungen. Ich versuchte nach und nach die beiden Abtheilungen gemeinsam zu unterrichten, wodurch freilich die erste Abtheilung ein wenig aufgehalten wurde; Ende Mai waren sie vollständig vereinigt, die Schülerzahl betrug aber nur mehr 16. – Wie mein Bericht über das erste Schul­jahr angibt, schien die japanische Regierung einen zweiten Lehrer für meine Schule engagiren zu wollen. Ende Mai 72 erhielt ich die amtliche Mittheilung, daß zur Anstellung dieses zweiten Lehrers vorläufig keine Gelder verfügbar seien. – Noch im April 1872 forderte das jap. Unterrichts-Ministerium mich auf, ein Programm für die beiden noch übrigen Jahre meines Engagements einzu­reichen. Obgleich ich wohl annehmen konnte, daß von den jap. Beamten keiner ein derartiges Schriftstück zu beurtheilen im Stande sei, und daß ein solches wahrscheinlich einem nichtdeutschen, des japanischen Kundigen, Ausländer zur Erklärung übergeben werde, so hielte ich es doch für richtig, den verlangten Lehrplan anzufertigen, weil das jap. Ministerium meine etwaige Weigerung hätte übel deuten können. Aus diesem Lehrplan habe ich das Programm für das zweite Schuljahr unten, Seite 9, angeführt.

Im Juni 1872 schlug das jap. Unterrichts-Ministerium vor, daß ich bis zu 50 neue Schüler, wenn sich so viele finden sollten, aufnähme; die älteren Schüler sollten dann täglich drei, die neu aufzunehmenden täglich zwei Stunden lang unterrichtet werden, wodurch die tägliche Unterrichtszeit von vier auf fünf Stunden erhöht würde. Da ich doch früher oder später wieder neue Schüler aufnehmen mußte, so erklärte ich mich bereit, dem Wunsche des Herrn Ministers zu entsprechen, wogegen das Ministerium mir eine Gehaltserhöhung von 250 mex. Dollars gewährte, „weil meine Schüler durch meinen Fleiß gute Fortschritte machten, und weil ich außerdem erklärt hätte, 50 neue Schüler aufnehmen zu wollen.“ Vom sechsten jap. Monate des verfloßenen Jahres an erhielt ich also 250 mex. Dollars Lehrergehalt. – Das Ministerium hatte mir übrigens, ohne einen Grund oder Zweck dafür anzugeben, das förmliche Versprechen abgenommen, daß ich dem Herrn Minister jedesmal Mittheilung davon machen werde, wenn ich neue Fächer in den Unterricht aufnehmen wolle.

Die Aufnahme neuer Schüler erfolgte indessen nicht so bald, wie man es hätte erwarten sollen. Es meldeten sich bis zu den vierwöchentlichen Sommerferien, welche am 20. Juli begannen; nur etwa 20 Schüler, welche Zahl den Behörden nicht genügte. Nach den Ferien wollte man die Veröffentlichung eines neuen Unterrichtsgesetzes abwarten. Als nun das neue Unterrichtsgesetz bekannt wurde, fanden sich nur mehr 16, 17 junge Leute, die in meine Schule einzutreten wünschten; anderntheils geriethen auch meine frühern Schüler in eine große Stürzung und sechs von ihnen traten aus. (Einer dieser sechs wurde später auf sein wiederholtes Bitten wieder aufgenommen). Bis dahin war nämlich der Unterricht den Schülern ganz unentgeltlich erteilt worden; zudem hatten viele von der Regierung noch eine Geldunterstützung erhalten, ohne dadurch sich selbst in irgendeiner Weise zu verpflichten. Aber fortan sollten die Schüler für den Unterricht eine gewisse Summe monatlich bezahlen; nur solche Schüler, welche ein Examen bestanden hätten, würden unterstützt; das als Unterstützung erhaltene Geld wäre nach dem Austritte aus der Schule in be­stimmten Raten zurückzuerstatten, und für den Fall, daß dies den Betreffenden unmöglich wäre, müßten sie in einer niedern Beamtenstelle (etwa als Thorhüter) diese Geldsumme abverdienen. Von den zehn Schülern, welche sich durch diese Bestimmungen nicht zum Austritte aus meiner Schule bewegen ließen, verlor ich bald nachher einen durch Krankheit; zwei andere wurden in die unter Abtheilung versetzt, weil sie (allzu großer Jugend und beständiger Kränklichkeit wegen) im Unterricht in der ersten Abtheilung nicht mehr folgen konnten. Zu Anfang Oktober 1872 hatte ich im Ganzen noch 24 Schüler.

Nach dem erwähnten Unterrichtsgesetze war die Errichtung von einer gewissen Anzahl Hochschulen für Japan in Aussicht genommen, von denen jede über 32 Mittelschulen und sehr vielen „kleinen“ Schulen stehen sollte; außerdem würden noch besondere Fachschulen gegründet werden. Wie in meinem Berichte über das erste Schuljahr mehrgenannte Dai-gaku-nankö mit siebenzehn Lehrern wurde „die erste Mittelschule unter der ersten Hochschule“; meine Schule, bis dahin „erste Fremdenschule“ genannt, wurde „die zweite Mittelschule unter der ersten Hochschule“. Die erste Hochschule selbst und eine dritte, vierte etc. Mittel­schule existieren noch nicht. Die einzige in Yedo bestehende Anstalt mit dem Range einer Hochschule ist ein Fachschule, nämlich die medicinische Akademie unter der Leitung der deutschen Herren Doktoren Müller und Hoffmann.

Da meine neun älteren Schüler die Regierung um Unterstützung gebeten hatten, so wurde ich aufgefordert, im Besein japanischer Beamten ein Examen in meiner Klasse abzuhalten. Die Beamten brachten ein Blatt mit, auf welchem verzeichnet war, was die Schüler der ersten Mittelschule hätten können müssen, um die von ihnen gewünschte Unterstützung von der Regierung zu erlangen; wenn meine Schüler das auch könnten, so würden dieselben auch unterstützt. Ich dürfte wohl nicht anerkennen, daß diese erste Mittelschule, an deren deutsche Abtheilung kein einziger qualificirter Lehrer unterrichtete, eine Norm feststellen könne, nach welcher meine Schüler geprüft würden; die Beamten waren denn auch schließlich schon zufrieden, als ich nach in ihrer Gegenwart vorgenommenen Prüfung erklärte, daß die Schüler meiner ersten Abtheilung wirklich einer Unterstützung durch die Regierung würdig wären.

Schon öfter haben die Japaner mir vorgehalten, daß ich allein Widerspruch erhöbe in Sachen, die von allen Lehrern der ersten Mittelschule ohne Weiteres angenommen würden. Die dort als deutsche Lehrer angestellten Personen müßten aber schon deshalb sich aller Einsprache in die Verordnungen der japanischen Beamten enthalten, weil sie in erster Reihe blos die Erlangung eines neuen Engagements anstreben müssen. (Ihre Contrakte werden nämlich gewöhnlich nur auf sechs Monate abgeschlossen.) Dagegen darf ich beim besten Willen nicht auf alle Ideen der Japaner eingehen, da ich mich über meine hiesige Wirksamkeit auch vor der deutschen Regierung verantworten muß. Ein solcher Fall, wo ich zum Verdruß der unterhandelnden Japaner Schwierigkeiten machen mußte, trat auch ein, als bei Einführung des neuen Schulgesetzes die Frage entstand, nach welchem Lehrplan ich fernerhin meine erste Abtheilung unterrichten würde.

Der Lehrplan für „obere Mittelschulen“ nach dem Unterrichtsgesetz war ganz nach dem in der ersten Mittelschule gebrauchten Handbüchern eingerichtet; da dieser Lehrplan auch für meine Schule maßgebend sein sollte, so war damit zugleich wieder die erste Mittelschule als die normale bezeichnet. An der ersten Mittelschule bestanden vier deutsche Klassen mit je einer Abtheilung; jeder Lehrer konnte seine eine Abtheilung wöchentlich 30 Stunden unterrichten und also mit nicht gar zu großem Nachtheile diese Unterrichtszeit auf elf ver­schiedene Fächer vertheilen. Seit September 1872 konnte ich meiner ersten Ab­theilung aber nur 18 Stunden widmen, welche Zeit auf 12 Stunden wöchentlich reducirt werden mußte, als ich am 17. Dezember 72, dem Drängen des jap. Beamten nachgebend, wieder neunzehn neue Schüler aufnahm. Unmöglich konnte ich die 18 resp. 12 Stunden auf elf verschiedene Fächer vertheilen, unter welchen das elementarische Rechnen und das Lesen gar nicht einmal aufgeführt waren. Zu allererst wünschte ich, die „Moralphilosophie“ (!) vom Lehrplan für meine Schule gestrichen zu sehen. Ich erklärte, daß ich in diesem Fache keinen be­sonderen Unterricht zu ertheilen brauche, in dem jeder richtig ertheilte Unterricht auch zugleich Unterricht in allgemeiner Moral sei. Aber diese Erklärung befriedigte nicht. Darauf gab ich an, daß ich einen besonderen Unter­richt in der Moral vom Standpunkte der drei in Japan bestehenden Religionen aus nicht ertheilen könne, vom christlichen Standpunkte aus aber ohne eine besondere schriftliche Aufforderung des Herrn Unterrichts-Ministers nicht er­theilen dürfe. Der Beamte hatte noch gar nicht geahnt, daß es in der Moral falsche Unterscheidungen gebe und bestand zuletzt nicht mehr darauf, daß ich dieses Fach in meinen Stundenplan aufnehme. Noch schwieriger war der Beamte dazu zu bewegen, den Unterricht in der Chemie auf meinem Lehrplan zu streichen. Endlich gab er aber doch nach und ließ auch dieses Fach fallen, aber nur, um desto fester auf den übrigen neuen Fächern zu bestehen. Ich mußte mich fügen, wenn ich nicht überhaupt die Existenz meiner Schule als „zweite Mittelschule“ und damit zugleich wichtige Interessen meiner Schüler in Frage stellen wollte. Die zwölf Unterrichtsstunden, welche ich seit dem 17. Dez. 72 meiner ersten Abtheilung wöchentlich widmen konnte, wurden also nominell auf folgende elf Fächer vertheilt: Elementarisches Rechnen, Lesen, deutsche Grammatik, Aufsatz, Naturlehre, Naturgeschichte, Algebra, Geometrie, Weltgeschichte, Geographie und Zeichnen. Im zweiten Theil dieses Berichtes habe ich angegeben, in wie weit die Praxis dieses abnorme Verhältniß modificirte. – So standen die Sachen bis Ende Februar 1873.

Die Schüler, welche im September 72 aufgenommen wurden, und diejenigen, welche noch am 17. Dezember 72 eintraten, bildeten vom 17. Februar 1873 ab nur eine einzige Abtheilung von 32 Schülern, und ich hoffte schon, daß ich mit meiner Schulklasse, wie sie nun war, ohne Störung das letzte Jahr meines Engagements (bis zum 16. Februar 73) weiter arbeiten könnte. Aber eine Woche später fingen Unterhandlungen an, deren Verlauf für meine Schule ebenso traurige Folgen hatte, als er für die Unschlüssigkeit der jap. Behörden bezeichnend ist. Obgleich ich hieroben vielleicht schon zu eingehend über die durch das neue Unterrichtsgesetz hervorgebrachten Veränderungen in meiner Schule geschrieben habe, möge es mir gestattet sein, auch etwas ausführlicher von den erwähnten Verhandlungen zu sprechen.

Am 24. Februar 73 machte mich ein gewisser Herr Kossungi im Auftrage seiner Exzellenz des Herrn Unterrichts-Ministers folgende Mitteilung: „In Anbetracht, daß meine Schule noch immer zwei Abtheilungen habe, welche sich nicht zu einer einzigen vereinigen ließen, daß ferner die für jede Abtheilung bestimmte tägliche Unterrichtszeit (zwei resp. drei Stunden) nicht genügen und daß endlich für Anstellung neuer Lehrkräfte an meiner Schule keine Gelder verfügbar seien, – würde demnächst meine Schule als zweite Mittelschule von der Regierung aufgehoben, nämlich mit der ersten Mittelschule, dem früheren Nanko, verbunden werden. Der Herr Minister wünsche, daß auch ich in Zukunft an der ersten Mittelschule arbeite und zwar solle ich die Oberleitung des deutschen Unter­richts an jener Anstalt übernehmen; wenn ich mich nicht in den allernächsten Tagen dazu entschließen könnte, so würde sich seine Exzellenz genötigt sehen, mich überhaupt aus jap. Dienste zu entlassen. Da der deutsche Minister-Resident meine hiesige Stellung geschaffen hatte und übrigens am 2. März von Europa zurückerwartet wurde, so hielt ich es für meine Pflicht, auf die genannte Mit­teilung zu erwidern, daß ich zwar sehr gern bereit wäre, dem Wunsche des Herrn Ministers zu entsprechen, ddaß ich aber nur so handeln könnte, wie Herr von

Brandt es mir vorschreiben würde; eine entscheidende Antwort könnte ich also in den nächsten 8 Tage nicht geben.

Am folgenden Tage kam Herr Nossugi wieder zu mir und schlug im Auftrag des Herrn Ministers vor, daß ich bis zur endgültigen Regelung meiner zukünftigen Stellung die ganze Klasse oder doch wenigstens die acht Schüler der ersten Abteilung entlasse. Aber auch darauf glaubte ich nicht eingehen zu dürfen. Meinen Einwendungen, namentlich gegen die Entlassung der acht besseren Schüller, fügte ich die Bitte hinzu, meine Schule wenigstens noch 14 Tage lang überhaupt so zu lassen, wie sie zur Zeit wäre.

Den 26. Februar wurde mir die Mitteilung, daß man die 32 Schüler meiner zweiten Abteilung zu entlassen beabsichtige. Die betreffenden japanischen Beamten hatten sowohl im September als auch im Dezember 1872 neue Schüler für meine Schule gesucht, „weil die Anzahl meiner Schüler im Verhältnis zu den Auslagen für meine Schule nicht zu gering sein dürfe.“ Damals wurde es nicht beachtet, daß die Unterrichtszeit nicht für zwei, drei verschiedene Abteilungen genüge, obgleich ich nachdrücklich darauf aufmerksam gemacht hatte. Und nun, wo die neuen Schüler die ersten Schwierigkeiten überwunden hatten, sollten sie, ehe noch meine künftige Stellung geregelt wäre, entlassen werden, „weil nicht zwei Abteilungen sich in eine Unterrichtszeit von fünf Stunden täglich teilen könnten.“ Diese Inkonsequenz stellte ich dem Beamten vor und bat dann nochmals, mir einstweilen noch beide Abteilungen zu lassen. Aber die Antwort war die wirkliche Entlassung der 32 Schüler am folgenden Tage und die Änderung des Namens meiner Schule in „deutsche Schule“, wovon mir aber amtlich nichts angezeigt wurde. Man forderte mich aber noch einmal auf, daß ich sobald als möglich meine Verhaltungsmaßregeln beim deutschen Minister-Residenten Herrn von Brandt einhole, – um wenige Tage darauf mir wieder zu sagen, daß es mit den Regelungen meiner Stellung noch einige Monate Zeit habe.

Als ich am 16. März so glücklich war, Herrn von Brandt meine Aufwartung machen zu können, hatte der japanische Unterrichts-Minister Herr von Brandt schon von mir gesprochen, aber nur den Wunsch ausgedrückt, „daß ich meine sechs (!) besseren Schüler entlassen, mit den 25 (!) Schülern der zweiten Abteilung aber in meiner bisherigen Stellung weiter arbeite. In diesem Sinne fiel dann auch die endgültige Entscheidung aus: Die besseren Schüler sollten nach der Jahres­prüfung am 8. April entlassen und die Schüler der am 27. Februar entlassenen zweiten Abteilung wieder aufgenommen werden.

Meine Leistungen während der beiden nun verflossenen Jahre meiner Wirksamkeit in Japan beschränken sich also auf die Ausdehnung von acht Schülern, soweit ich diese Ausbildung im zweiten Theil des vorliegenden Berichtes bezeichnet habe. Für die noch übrigen zehn Monate meines Engagements habe ich wieder Anfänger zu unterrichten, deren Zahl bis zum 16. Februar 74 wahrscheinlich wieder auf etwa 15 sinken wird. Ich bin mir bewußt an dieser Unfruchtbarkeit meiner Arbeit keine Schuld zu tragen, und der jap. Unterrichts-Minister selbst hat vor Herrn von Brandt anerkannt, daß dieser Mangel an Gedeihen meiner Schule nur in der Unfertigkeit der jap. Verhältnisse und in den Fehlgriffen der Beamten begründet sei. – Bei den hiesigen Zuständen war es der größte Nachtheil für meine Schule, daß ich der alleinige Lehrer an derselben blieb. An den nöthigen Geldern zur Anstellung eines zweiten Lehrers für meine Schule kann es aber kaum gefehlt haben, da während meines Hierseins die Zahl der Deutschen an der ersten Mittelschule (Manko) von zwei auf fünf gewachsen ist. Die jap. Behörden haben sich auch immer sehr lobend über unsere Leistungen ausgesprochen. Auf die Frage, weshalb man keinen zweiten Lehrer an meiner Schule angestllt hätte, würden also die jap. Beamten schwerlich einen triftigen Grund angeben können.

Zum Schlüsse des zweiten Schuljahres hielt ich in meiner kleinen Klasse eine Prüfung ab in Gegenwart Seiner Exzellenz des Herrn von Brandt, Seiner Exzellenz des Herrn Unterrichts-Ministers Oogi, der deutschen Herren: Consul Baer, Dr. Cochius, Dr. Funk, Dr. Hilgendorf, Marine-Stabsarzt Dr. Hoffmann, Dolmetscher Kempermann und Oberstabsarzt Dr. Müller, sowie noch dreier Japaner. Die Be­theiligung des Herrn von Brandt und der anderen deutschen Herren war eine erneute Kundgebung ihres Interesses für meine Schule, welches sie schon öfter bestätigt haben und wofür ich denselben sehr zu Dank verpflichtet bin.

 

  1. Unterricht

Auf welche Weise ich im ersten Schuljahre unterrichtete und welche Resultate ich dabei erzielte, habe ich in meinem Berichte über das erste Schuljahr auf­gezeichnet. Der Unterricht des zweiten Schuljahres war natürlich nur eine Fortsetzung des Unterrichts vom ersten Schuljahr. Bis wohin ich im Laufe des zweiten Schuljahres gelangen würde, konnte ich aber zu Anfang desselben nicht genau bestimmen, und daher habe ich im April 1872 folgenden Lehrplan für das zweite Unterrichtsjähr meiner Schule nur auf wiederholte Aufforderung Seitens des hiesigen Unterrichts-Ministeriums aufgestellt.

A.Deutsche Sprache.

  1. Lesen in Bone’s Lesebuch, erster Theil
  2. Grammatik. Die vollständige Lehre von den Wortarten und der Wortbiegung, im Ganzen nach Schaefer; ferner Erweiterung während des ersten Jahres erlangten Kenntnisse in der Satzlehre.
  3. Aufsatz. Beschreibungen und Vergleichungen von Dingen nach Anschauung derselben; dann kleine Erzählungen.
  4. Rechnen. Kenntniß der gewöhnlichen Brüche und der decimal Brüche; die vier Species mit Brüchen; Aufgaben zur Anwendung derselben nach Richter und Gröming’s Rechenbuch, zweiter Theil. Vielleicht werden in den letzten Monaten dieses Schuljahres noch der Dreisatz und der Kettensatz nach Kranke’s Exempelbuch eingeübt.
  5. Physikalische Geographie und allgemeine Völkerkunde nach der Plötz, Leitfaden.
  6. Naturwissenschaft.
  7. Naturgeschichte. Beschreibung von Pflanzentheilen und ganzen Pflanzen, sowie Beschreibung von Thieren, nach zur Anschauung vorliegenden Exemplaren, ohne Handbuch.
  8. Naturlehre. Einleitung, Eigenschaften der Körper überhaupt und mechanische Eigenschaften fester Körper insbesondere, bis ungefähr Seite 60 in Koppe’s Handbuch. Jedoch muß von dem in diesem Handbuche Enthaltenen manches überschlagen werden. Im Laufe des zweiten Schul­jahres wird auch im Zeichnen und im Gesang Unterricht erteilt werden; aber es ist noch schwer zu bestimmen, wann damit begonnen werden kann.“

Indem ich vorläufig im Allgemeinen bemerkte, daß die wirklichen Resultate des zweiten UnterrichtsJahres in Folge der zweimaligen Aufnahme neuer Schüler und noch mehr der Seite 4 berührten Veränderungen des Lehrplanes selbst – nicht ganz mit dem Lehrplan übereinstimmen, würde ich dazu übergehen, in Folgendem ein möglichst deutliches Bild von derart, in welcher der Unterricht im zweiten Schuljahre ertheilt wurde und von den in jedem Fache erzielten Resultaten zu entwerfen.

Als Hauptsache für meine Schüler mußte ich selbstverständlich beim ganzen Unterrichte die Erlernung der deutschen Sprache im Auge behalten, da ja diese, obgleich den Schülern eine fremde, das Mittel war, durch welches sie sich in anderen Fächern Kenntnisse erwerben sollten. Der Unterricht in der deutschen Sprache zerfiel wieder in „Lesen“, „Grammatik“, „Aufsatz“ und „Sprechen“. Die Zahl der für diesen Unterricht besonders reservirten Stunden war drei wöchentlich (während der Zeit, wo die ganze wöchentliche Unterrichtszeit für die erste Abtheilung zwölf Stunden betrug).

  1. Beim Leseunterrichte verfolgte ich drei an sich verschiedene Zwecke. Als Vorunterricht für’s Sprechen mußte er die Schüler vorerst an ein scharfes Articuliren und eine richtige Betonung gewöhnen. Obwohl ich diese Seite des Leseunterrichtes nur während der für „Lesen“ angesetzten Stunden besondere Aufmerksamkeit widmete, so glaubte ich doch einen vollständigen Erfolg darin erreicht zu haben. (Uebungsstücke, sowohl Prosa als Gedichte, aus Bone, deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten.) – Zweitens sollten die Schüler durch den Leseunterricht (im engeren Sinne) neue Wörter und Satz­formen kennenlernen. Freilich wurde zu diesem Zwecke das Gelesene übersetzt und abgeschrieben; ich hielt es aber für noch viel wichtiger, in Sprechübungen im Anschluß an das Gelesene die Schüler in der Anwendung der für sie neuen Ausdrücke zu üben. Auf der anderen Seite sollten aber die Schüler für dieselben Gedanken verschiedene Formen gebrauchen lernen, und darum stellte ich auch öfter die Aufgabe, ein Lesestück schriftlich oder mündlich in anderen Sätzen wiederzugeben. – Den Schülern neue Wörter in Verbindung mit neuen Begriffen vorzuführen, fiel hauptsächlich dem Unterrichte in der Naturgeschichte, Weltgeschichte etc. zu, wobei auch vielfach gelesen und das Gelesene, nachdem es übersetzt war, in Sprechübungen wiederholt wurde. -Der Leseunterricht war drittens zugleich ein Unterricht in der deutschen Grammatik. Zum Theil war das zwar eine Nothwendigkeit; denn oft, namentlich bei complicirteren Satzformen, verstanden die Schüler die eigentliche Bedeutung der Sätze erst, nachdem sie dieselben zergliedert resp. in ein­fachere Sätze umgeformt hatten. Derartige nothwendige Uebungen im Analysiren wurden dann aber gleichzeitig benutzt, um das schon Erlernte aus der deutschen Grammatik zu wiederholen und mit dem Neuen in Verbindung zu bringen, und so kam es öfter vor, daß eine ganze Lese-(Geographie- etc.) Stunde blos zum Unterrichte in der deutschen Grammatik verwendet wurde.
  2. Eine besondere Stunde für die deutsche Grammatik fand sich nur kurze Zeit auf dem Stundenplane meiner Schule. Dieser Unterricht wurde, wie schon gesagt, mit dem Leseunterrichte verbunden, welcher Umstand das Gute hatte, daß die Schüler in sehr vielen Redensarten (z. B. Muth fassen, sich in die Zeit schicken) grammatische Auffassung und wirkliche Bedeutung richtig auseinander halten lernten. Im Ganzen ist das im oben angeführten Schriftstücke angegebene Ziel für den grammatischen Unterricht erreicht worden. Der ungünstigen Verhältnisse wegen habe ich aber wenig Sorgfalt darauf verwenden können, die Schüler zum Zusammenfassen und Ordnen des Erlernten anzuleiten.
  3. Während des ersten Schuljahres hatte ich keine Aufsätze anfertigen lassen, weil ich mich durch verschiedene Versuche überzeugt hatte, daß die Schüler im selbständigen Gebrauche deutscher Wörter und Satzconstruktionen noch zu wenig sicher waren. Im zweiten Schuljahre aber wurde diesem Unterrichts­fache eine ganz besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Die Eine Stunde wöchentlich, welche nach dem Stundenplan meiner Schule dem Aufsatzunter­richte zufiel, schien mir durchaus nicht genügend, und da ich mich doch an den Stundenplan halten mußte, so zog ich andere Fächer in den Dienst des Aufsatzunterrichtes. In erster Reihe gilt dies von der „Naturbeschreibung“, welche an drei Viertel der Zahl der Aufsätze lieferte. – Den Anfang bildeten kleine Beschreibungen und Vergleichungen von Pflanzentheilen (Blättern und Blüten), von welchen jedesmal eine Anzahl Exemplare mit in die Schule ge­bracht wurden. Diese wurden auf deutsch ungefähr in derselben Weise ge­sprochen, wie man das in deutschen Elementarschulen mit acht-, neunjährigen Schülern thut oder thun könnte und sollte. Die Satzkonstruktionen blieben sehr einfach. Darauf schrieben die Schüler die Aufsätze zu Hause nieder und brachten sie an einen der folgenden Tage mit, um sie in der Schule vorzu­lesen und die Fehler zu verbessern. Nach und nach ließ ich den Schülern

mehr Freiheit mit Bezug auf Anordnung und Form. Im letzten Halbjahre wurde, nachdem die betreffenden Gegenstände besprochen waren, auch über dieselben aus zwei, drei verschiedenen Büchern gelesen, worauf es dann den Schülern überlassen blieb, aus dem Gesagten und Gelesenen die Gedanken für die Aufsätze auszuwählen und zu ordnen. Aber je größere Freiheit den Schülern ge­geben wurde, desto mehr Fehler machten sie, und ich mußte schließlich mir das Concept der Aufsätze vorlesen lassen und die darin vorkommenden Fehler, soweit ich sie bei dem einmaligen Lesen durch Hören unterscheiden konnte, verbessern, ehe die Schüler die Aufsätze in’s Reine schrieben. Es kam selten vor, daß ich Concept ganz verwerfen mußte. – Im Uebrigen waren alle Aufsätze nur Beschreibungen und Vergleichungen; gehörte Erzählungen frei wiederzugeben haben meine Schüler nicht geübt.

  1. Für „Sprechen“ gab es selbstredend keine besondere Stelle auf dem Stunden­plan. Ich will aber doch hier angeben, daß ich meine Schüler mit Consequenz dazu angehalten habe, immer scharf zu articuliren, grammatisch richtig, vollständig und mit Beobachtung einer gewissen Gedankenordnung zu sprechen. Die Hälfte meiner Schüler hat die Fertigkeit erlangt, über etwas Gelerntes frei und richtig sich auszudrücken, indem sie zugleich einen bestimmten Gedankengang innehält; bei der anderen Hälfte der Schüler mußte ich aber immer noch durch Fragen nachhelfen. – Alles, was ich den Schülern sagte, habe ich denselben ziemlich langsam und in einer für sie faßlichen Form gesagt; sie verstanden mich auch immer. In den Formen der Umgangssprache und im Auffassen rasch gesprochener, langer Sätze habe ich die Schüler wegen der Kürze der Zeit nicht üben können.
  2. Als den nächstwichtigen Unterrichtsgegenstand habe ich das Rechnen betrachtet, welchem nach dem Stundenplane zwei Stunden wöchentlich zufielen. Bei der auffallenden Unsicherheit, womit meine Schüler bei ihrem Eintritte den allerleichtesten Aufgaben im Kopfrechnen gegenüberstanden, habe ich es als einen Erfolg ansehen müssen, daß im ersten Schuljahre die damalige erste Abtheilung mit ganzen Zahlen im Zahlenkreise von l bis 100 im Kopfe operieren konnten; in dem entsprechenden Zifferrechnen kamen Zahlen bis 1.000.000 vor (bis Seite 130, Richter und Gröming’s Rechenbuch, zweiter Theil). Die zweite Abtheilung hatte aber im ersten Schuljahre kaum zwei Monate lang Rechenunterricht erhalten, und es wurde deshalb gerade für’s Rechnen sehr schwierig, aus den beiden Abtheilungen im Anfange des zweiten Schuljahres eine einzige zu bilden. Erst im Juni konnte ich mit der Bruch­rechnung beginnen. Die Schüler lernten dieselbe, sowie den geraden und umgekehrten Dreisatz aus dem vorerwähnten Rechenbuche (bis Seite 229). – Bei diesem Unterrichte bot namentlich die Auflösung der angewandten Auf­gaben Gelegenheit zur Uebung im Sprechen.
  3. In der Geographie, wöchentlich eine Stunde, haben die Schüler „das Noth-wendigste“ aus der mathematischen Geographie“, „Beschreibung des Weltmeeres“ und „Beschreibung der fünf Erdtheile im Allgemeinen“ gelernt und schon zweimal wiederholt. Die Wiederholungen dienten zwar erstlich zur gründ­lichen Befestigung des Erlernten, aber dann auch nicht minder zur Uebung im freien Sprechen. – Aus der Länder- und Völkerkunde haben die Schüler nur einiges lernen können.
  4. Naturgeschichte, wöchentlich eine Stunde. Der Unterricht in diesem Fache trat fast ganz in den Dienst des Aufsatzunterrichtes; indessen wurden die besprochenen und beschriebenen Pflanzen doch nach den Linne’sehen Classen und die Thiere nach Classen und Ordnungen gruppirt. Handbuch: Schillings kleine Schul-Naturgeschichte.
  5. Aus der „Naturlehre“, welchem Unterrichte erst seit Ende September wöchent­lich eine Stunde gewidmet wurde, lernten die Schüler „die allgemeinen Eigenschaften der Körper“ und „die Gruppe des Hebels“ kennen.
  6. Zeichnen, ebenfalls erst seit Ende September 72 im Ganzen etwa 22 Stunden. Da die Zeichenvorlagen, welche ich von Deutschland mitgebracht und bei meiner Ankunft abgegeben hatte, den Japanern abhanden gekommen waren, so blieb mir kaum etwas anderes übrig, als Uebungen im Freihandzeichnen und die Anfänge des geometrischen Zeichnens vorzunehmen. Die Uebungen im Frei­handzeichnen bestanden im Zeichnen von geraden Linien, Winkeln, gradlinigen Figuren, krummen Linien und krummlinigen Figuren mit Bleistift. Zu den Uebungen im geometrischen Zeichnen, deren letzte die Construktion eines Kreises in ein gegebenes Dreieck war, sollten die Schüler ein Reißzeug und Tusche gebrauchen. Die japanische Regierung erlaubte aber nur ein einziges Reißzeug für die acht Schüler anzukaufen, dadurch waren die Schüler genöthigt, die Aufgaben möglichst rasch auszuführen, was auf die Genauig­keit und Schönheit der Zeichnungen jedenfalls keinen günstigen Einfluß aus­übte. Leider hatten die Schüler die Lehrsätze der Geometrie, worauf sich die Ausführung der Aufgaben stützte nicht lernen können.
  7. Algebra, im Ganzen etwa 22 Stunden: Begriff und Anwendung der Addition etc., § l bis § 10 aus Heis‘ Sammlung von Aufgaben aus der Arithmetik und Algebra, sodann Anwendung von Gleichungen des ersten Grades mit einer un­bekannten Größe, aus demselben Buche, § 36, Aufgabe l bis 35. Diese Aufgaben habe ich sowohl auf elementarische Weise als auch auf algebraische Weise lösen lassen.
  8. Winkeln, § l bis 35 aus Koppe’s Planimetrie.
  9. Weltgeschichte, 22 Stunden: Gegenstand der Weltgeschichte; die Urgeschichte nach der Bibel im kurzen Auszuge; die Urgeschichte nach jap. Erzählung (als Hauptsache) Geschichte der Babylonier und Assyrier nach Walter’s Lehrbuch der Weltgeschichte.

Damit hätte ich alles Sagenswerthe über den Unterricht des zweiten Schuljahres angegeben, insoweit derselbe die nunmehr entlassenen besseren Schüler betrifft. In wenigen Worten will ich nun noch erwähnen, daß ich die Schüler welche im Laufe des zweiten Schuljahres aufgenommen und Ende Februar ds. Js. wiederum entlassen wurden, nicht mehr ganz in derselben Weise unterrichtete, wie ich im ersten Schuljahre unterrichtet habe. Um meine Erfahrungen zu verwerthen, habe ich die Ausarbeitung einer praktischen Grammatik der deutschen Sprache für die japanische Schule in die Hand genommen und in der Hauptsache nach dem ersten (kleinsten) Theile dieses Lehrbuchs den Anfangsunterricht ertheilt. – Die beiden anderen Theile des in Angriff genommenen Buches auszuarbeiten, muß ich auf das Jahr 1874 verschieben.

Ich schließe diesen Bericht über das zweite Schuljahr mit dem Bermerken, daß der Fleiß und das Betragen meiner Schüler mir während desselben viele Freude bereitet hat, daß ich aber wegen der eingetretenen ungünstigen Verhältnisse wenig Befriedigung in meiner hiesigen Thätigkeit finden kann und während der zehn noch übrigen Monate meines Engagements wohl mit Gewissenhaftigkeit, aber schwerlich mit voller Freudigkeit meiner Arbeit werde obliegen können.

Yedo, den 9. April 1873

  1. Holtz, Ordentl. Seminarlehrer.

 

Schlussbericht über die Thätigkeit

des Seminarlehrers V. Holtz während seines Aufenthaltes in Yedo.

Im Anfange des dritten Unterrichtsjahres meiner Schule, im April 73, war meine Lage keine sehr angenehme, wie ich schon in meinem Berichte über das zweite Schuljahr sagte. Glücklicherweise änderte sie sich auch bald. Da nämlich für den Herbst 1873 eine neue Lehrkraft an der Vorbereitungsschule der medicinischen Akademie zu Yedo nöthig wurde, so schlug das Lehrercollegium diese Anstalt in Uebereinstimmung mit meinen Wünschen dem japanischen Unterrichts-Ministerium vor, mich an die Vorschule der medicinischen Akademie zu versetzen. Das japanische Ministerium willigt gern ein und hob meine Schule schon in den Sommerferien 73 auf. Nach den Sommerferien unterrichtete ich vorerst blos die Schüler, welche aus meiner Schule in die Medicinschule übertreten wollten; seit Anfang des November 1873 beginnenden Schuljahres der medicinischen Akademie gehörte ich mit zum Lehrer-Collegium dieser Anstalt.

Mitte Oktober 73, vier Monate vor Ablauf meines Engagements, boten mir die japanischen Behörden einen neuen Contrakt auf zwei Jahre mit 300 Goldyen (ca. 300 mex. Dollars oder 100 bis 440 ?) Monatsgehalt an. Ich wollte anfangs nur bis zum Schlüsse des Wintersemesters dort bleiben, entschloß mich dann aber doch, wenigstens ein volles Schuljahr an dieser Anstalt thätig zu sein und bat das Königliche Ministerium für geistliche Unterrichts- und Medicinalangelegenheiten zu Berlin um den mir dazu nöthigen achtmonatlichen Nachurlaub, der mir auch gewährt wurde. Die im September 1874 erfolgende Geburt meines zweiten Kindes verhinderte mich indessen, gleich nach Expiration des Nachurlaubs abzureisen, und so nahm ich dann das Anerbieten der Japaner, noch länger da zu bleiben, wieder auf 3 1/2 Monate an, indem ich zugleich dem Königlichen Ministerium zu Berlin von der nöthig gewordenen Verzögerung meiner Abreise gehorsamste Anzeige machte. Ein während der 3 1/2 Monate an mich gerichtetes neues Anerbieten des japanischen Ministeriums, mich auf ein weiteres Jahr zu engagieren, glaubte ich nicht annehmen zu dürfen, weil ich dann zum dritten Male in kurzer Zeit hätte um Nachurlaub nachsuchen müssen.

In der medicinischen Akademie bestimmte das Lehrer-Collegium aus sieben Deutschen bestehend, die Unterrichtsfächer wie auch die Vertheilung der Stunden, und die beiden Herren Doktoren Hoffmann und Müller vertraten als Direktoren das Collegium den japanischen Behörden gegenüber. Dieser Umstand machte, daß sich seit meiner Versetzung an die genannte Anstalt keinerlei Differenzen mehr mit den jap. Behörden hatte. Was außer den Mißfälligkeiten mit den jap. Behörden mich in meiner früheren Thätigkeit gestört hatte, Krank­heiten und auffallende Verschiedenheit der Schüler in ihren Leistungen, kann ich an der medicinischen Akademie leider in wenigstens demselben Maße vor.

Die mir in meiner neuen Wirksamkeit zugefallenen Fächer waren: deutsche Sprache, Rechnen, Geographie und, freilich erst seit November 1874, Turnen. Ich mußte den Unterricht wesentlich anders einrichten, als an meiner früheren Schule, so habe ich, beispielsweise sei es erwähnt, in Einem Schuljahre mit denselben Schülern das Einsundeins, Einmaleins, Rechnen mit ganzen Zahlen und gewöhnlichen Brüchen und dann angewandte Aufgaben durchgenommen, indem ich das Kopfrechnen und die Aufgaben zur Anwendung der vier Species mit ganzen Zahlen überschlug.

Das Kaiserlich Japanische Unterrichts-Ministerium beehrte mich am Schlüsse meiner Thätigkeit, dem 30. Januar 1875 mit einem anerkennenden Schreiben und einem schönen Geschenke. Außerdem hatte ich, wie in meiner früheren Stellung, so auch in meiner Thätigkeit an der Vorschule der medicinischen Akademie die Freude, mir die Zuneigung meiner Schüler zu erwerben, die sich namentlich in der Woche vor meiner Abreise und am Tage der Abreise selbst äußerte.

Ich sehe auf die Zeit, die ich in Japan gewesen bin, mit dem Bewußtsein zurück, redlich gestrebt zu haben, und bringe namentlich aus den zwei letzten Jahren meines Dortseins fast nur Erinnerungen der angenehmen Art mit nach Europa herüber.

Schevenhütte, Landkreis Aachen, im April 1875

  1. Holtz Ordentl. Seminarlehrer

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